Nicht jeder Mann ist ein potenzieller Kinderschänder

Väter trauen sich nicht mehr, Nachbarskinder, die bei ihnen übernachten, ins Bett zu bringen: Diese Verdachtsgesellschaft ist nicht gut für die Kinder.

Nicht jeder Mann ist ein potenzieller Kinderschänder: Szene aus dem Film «Fathers and Daughters».

Nicht jeder Mann ist ein potenzieller Kinderschänder: Szene aus dem Film «Fathers and Daughters».

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Irritierende Nachrichten aus dem privaten wie dem öffentlichen Erziehungsbereich erreichen uns. Väter trauen sich nicht mehr, Nachbarskinder, die bei ihnen übernachten, ins Bett zu bringen. Oder einem Kind, das auf dem Spielplatz hingefallen ist, aufzuhelfen. In Kitas wird nur vor aller Augen gewickelt, Sportlehrer leisten bei Turnübungen gar keine Hilfestellung oder nur nach umständlichen Absicherungen.

Aus Angst, wie es hier hiess, in Verdacht zu geraten. Den Verdacht, sich an kleinen Kindern zu vergehen. Und dann regte der Artikel auch noch an, Mütter sollten sich ebenfalls stärker vorsehen und zurückhalten.

Sind unsere Kinder denn derart gefährdet? Lauert in jedem Mann ein Unhold, der nur auf die Gelegenheit wartet, auszubrechen, und bieten Spielplätze, Kitas, Schulen und der private Raum nicht unentwegt solche Gelegenheiten? Eine merkwürdige Gefahrenlage, ein merkwürdiges Männer- oder Menschenbild!

Die aktuelle Überbesorgtheit kehrt die Unschuldsvermutung um.

Natürlich beherrscht der #MeToo-Komplex derzeit zu Recht die Schlagzeilen. Gewalt gegen Frauen und Kinder ist jahrzehntelang praktiziert, geduldet, verschwiegen und verharmlost worden. Dass die verspätete und, schon wegen der Verjährung, unzureichende Aufarbeitung aber umschlägt in eine Kultur des Verdachts, ist zu viel.

Nicht jeder Mann ist ein potenzieller Kinderschänder, um den ein Kreis der Distanz oder der Kontrolle gezogen werden muss. Nicht jede körperliche Berührung hat einen sexuellen Untergrund. Die aktuelle Überbesorgtheit stellt die Hälfte der Menschheit unter Generalverdacht und kehrt die Unschuldsvermutung um: Jeder Mann, der mit Kindern (und Frauen) zu tun hat, muss vorsorglich beweisen, dass er nichts Böses im Schilde führt. Oder gleich jede Gelegenheit vermeiden, in der Verdächtiges hineininterpretiert werden könnte.

Kinder spüren diese Atmosphäre

In den 50er-Jahren haben viele Kinder Körperkontakt nur in Form von Züchtigungen erlebt; das hat vielfach zu verkorksten Persönlichkeiten geführt. Die 70er-Jahre brachten dann in manchen Milieus einen Umschlag ins andere Extrem, als man in «progressiven» Kinderläden einen «unschuldigen» Umgang mit kindlichen Körpern pflegte.

Stehen wir etwa heute erneut an einer Schwelle, am Umschlag in eine Verdachtsgesellschaft, die Männern prinzipiell misstraut, in jedem Körperkontakt etwas Böses sieht und überall den Teufel der Sexualität wittert? Kinder spüren das. Es kann nicht gut für sie sein, in einer solchen Atmosphäre aufzuwachsen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.10.2018, 17:13 Uhr

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