«Die Zwangsheirat wird entweder banalisiert oder barbarisiert»

Anu Sivaganesan, Kampagnenleiterin der Beratungsstelle Zwangsheirat.ch, begrüsst die neue Gesetzesvorlage in der Schweiz, kritisiert aber, dass die Minderjährigen-Ehe weiterhin akzeptiert wird.

Minderjährigen-Heirat im Ausland bleibt legal: Die 15-jährige rumänische Braut Narcisa Tranca bei ihrer Hochzeit in einem Aussenbezirk von Bukarest. (Archivbild)

Minderjährigen-Heirat im Ausland bleibt legal: Die 15-jährige rumänische Braut Narcisa Tranca bei ihrer Hochzeit in einem Aussenbezirk von Bukarest. (Archivbild) Bild: Keystone

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Am kommenden Montag wird im Nationalrat über eine Gesetzesvorlage debattiert, die die Zwangsheirat neu als Tatbestand im Strafgesetzbuch verankern will (bislang behalf man sich mit dem Tatbestand der Nötigung) – und auch die Strafen sollen strenger ausfallen.

2008 meinte der Bundesrat noch, es bestehe kein Handlungsbedarf in Sachen Zwangsverheiratung. Weshalb wurde das Thema so lang verdrängt?
Ich bin sehr froh, dass das Problem als solches erkannt worden ist und nicht länger negiert wird. Aber die Diskussion darüber ist eben heikel.

Weshalb?
Die Zwangsheirat wird entweder banalisiert oder barbarisiert, je nachdem, wo man politisch steht. Für manche rechte Kreise ist sie ein Beweis dafür, dass Ausländer alle unzivilisiert und hinterwäldlerisch sind. Bemerkenswert ist auch, wie jene, die sich sonst überhaupt nicht durch eine frauenfreundliche Gesinnung auszeichnen, mit einem Mal zu Hütern der Frauenrechte werden. Manche ausländerfreundliche Kreise wiederum kritisierten bei unserer Lancierung im Jahr 2005 den Namen Zwangsheirat.ch, weil er zu krass und zu negativ sei.

Sie blieben standhaft?
Natürlich. Zum einen, weil wir uns nicht politisch instrumentalisieren lassen, zum anderen, weil es sich nun mal nicht schonender verpacken lässt. Eine Zwangsheirat ist, was es ist: eine Menschenrechtsverletzung gemäss Artikel 16 Absatz 2. Punkt. Es geht nicht darum, dass bestimmte Kulturen schlecht sind. Aber wenn überkommene Traditionen mit den Menschenrechten nicht zu vereinbaren sind, muss man etwas dagegen unternehmen – und kann sie auf keinen Fall als «Kultur» hinnehmen.

Wie virulent ist das Problem denn nun? Die Zahlen sind unklar.
Das Problem existiert, unbestritten. Es gibt aber keine verlässlichen Zahlen, das ist der Punkt. 2006 gab es eine Studie, aber da wurde einfach eine bestimmte Anzahl Fälle hochgerechnet. Das ist aber nicht wissenschaftlich, darum distanzieren wir uns von dieser Zahl. Es gab auch Aussagen, dass jede zweite Muslimin von einer Zwangsheirat betroffen sei, und das ist so ganz sicher nicht richtig. Die Studie, die der Bund in Auftrag gegeben hat, finden wir ebenfalls wenig aussagekräftig, weil der Bezug zu den Betroffenen fehlt. Es verhält sich wie bei der häuslichen Gewalt: Man kann nicht nur Polizei und Sozialarbeiterinnen befragen und dann Massnahmen für die betroffenen Frauen beschliessen. Man muss mit ihnen selber reden.

Sie stehen mit diesen Frauen in Kontakt. Wie viele melden sich konkret bei Ihnen?
Vor den Sommerferien sind es immer deutlich mehr, weil dann die Gefahr besteht, dass im Heimatland eine Hochzeit gegen den Willen der Betroffenen geplant ist. Ansonsten sind es zwischen ein und vier Fällen pro Woche.

Was raten Sie in diesen Fällen?
In Akut-Fällen, also wenn sie wissen, dass eine Verheiratung im Heimatland kurz bevorsteht, raten wir ihnen, die Reise unbedingt zu verhindern. Oft arbeiten wir da mit den Lehrlingsbetreuern zusammen, das funktioniert ausgezeichnet: Die genehmigen dann keine Ferien oder lassen nur wenige Tage zu. Damit lässt sich immerhin ein wenig Zeit gewinnen.

Und wenn es nicht akut ist?
Dann raten wir ihnen, sich stückweise Freiheit zu erkämpfen. Also zum Beispiel anstatt von 18 bis 21 Uhr wegzubleiben ein Handy einzufordern. Das ist allerdings mühsam und schwer und erfordert eine Menge Geduld. Viele Jugendliche führen lieber ein Doppelleben, was aber ihr Problem längerfristig nicht löst.

Treten Sie mit den Eltern in Kontakt?
Nein, nie. Wenn sie davon erfahren würden, geben sie sich nach aussen einsichtig – aber irgendwann ist die Tochter dann vielleicht verschwunden, und wir können nichts mehr für sie tun. Wenn man etwas erreichen will, muss man nachvollziehen können, wie die Eltern denken. Es ist kein Zufall, dass man in Deutschland viel weiter ist als hier. Dort thematisieren vor allem Migrantinnen diese Menschenrechtsverletzungen, so lässt sich das Problem nicht einfach ignorieren. In der Schweiz waren die Massnahmen deshalb lang realitätsfern.

Wer verheiratet sein Kind unter Zwang?
Es geht nicht nur um die sogenannten Kopftuchfrauen, Zwangsheiraten sind kein religiöses Problem. In der Schweiz sind es mehrheitlich traditionalistische, familienorientierte Gemeinschaften, die über starke patriarchalische Strukturen verfügen. Die Zwangsheirat gibt es unter Katholiken, alevitischen Kurden und Türken, muslimischen Kosovaren, hinduistischen Tamilen, orthodoxen Juden oder bei Freikirchen.

Ist mangelnde Integration schuld daran, dass hierzulande eine solche Tradition aufrechterhalten wird?
Integration ist tatsächlich ein Schlüsselbegriff – wobei die Sprache absolut zentral ist –, aber es ist eben nicht ganz so einfach. Man denkt immer, es hätte mit der Bildung zu tun oder mit dem sozio-ökonomischen Status. Das stimmt zum grossen Teil schon, aber gerade in England gibt es gut betuchte indische Familien mit erstklassiger Ausbildung, die immer noch an der Verheiratung ihrer Kinder festhalten. Man kann es also nicht nur auf bildungsferne Schichten reduzieren. Ich sage es jeweils so: Die Krönung der Integration ist die Orientierung an den Menschenrechten, was die Frauenrechte automatisch beinhaltet.

Zwangsverheiratungen werden als Frauenproblem wahrgenommen, dabei sind doch die Männer genauso betroffen. Haben Sie auch Männer, die sich bei Ihnen melden?
Ja, letztes Jahr waren 30 Prozent der Hilfesuchenden albanischer Muttersprache männlich. Und wir haben auch schwule Betroffene. Es handelt sich hierbei um ein Phänomen wie beim Waffenbesitz, das ich Autoflagellation nenne: Das patriarchalische System fordert auch männliche Opfer.

Für Männer aus den erwähnten Kulturkreisen ist es aber doch sicher einfacher als für Frauen, selbst wenn sie gegen ihren Willen verheiratet werden.
Das stimmt, weil die Frauen als Traditionsträgerinnen angeschaut werden, die Männer aber als Traditionshüter. Das heisst, für sie gelten gewisse Gesetze nicht, sie können sich beispielsweise noch eine Geliebte halten oder andere Auswege finden. Sie haben trotz allem mehr Freiheit als die Frauen.

An der neuen Gesetzesvorlage kritisieren Sie vor allem, dass die Minderjährigen-Ehe nach wie vor möglich sein wird.
Es heisst zwar überall, die Minderjährigen-Ehe würde verboten, aber wenn man die Botschaft des Bundesrates genau liest, sieht man, dass das nicht so sein wird. Bis jetzt war eine Heirat auch dann möglich, wenn jemand unter 18 war, vorausgesetzt, dass dies gemäss Heimatrecht erlaubt war. Das soll nun geändert werden. Bloss: Wenn eine 16-Jährige in den Sommerferien verheiratet wird und das dort legal ist, dann will die Schweiz diese Ehe leider als rechtsgültig akzeptieren.

Die Minderjährigen-Hochzeit wird einfach exportiert.
Absolut, und das kann doch nicht sein. Wenn man es schon verbieten will, soll kein Ausweichen ins Ausland möglich sein; dasselbe gilt für die Stellvertreter-Ehe, also wenn ein Onkel oder ein Cousin für die Frau die Ehepapiere unterzeichnen kann. Das ist in der Schweiz verboten, soll aber weiterhin akzeptiert werden, wenn es in einem Land passiert, wo das rechtens ist. Mit der seltsamen Begründung, man könne doch eine bestehende Ehe nicht zerstören.

Ist durch die Verschärfung des Gesetzes ein Sinneswandel bei konservativen Eltern zu erwarten?
Gesetze sind keine Allheilmittel. In der Türkei ist die Polygamie seit 1929 verboten, die Kinderehe in Indien seit 1928 – beides wird jedoch noch immer praktiziert. Aber es geht darum, dass eine Gesellschaft signalisiert, dass sie etwas nicht toleriert. Es ist einfacher, wenn man sich dabei auf ein Gesetz berufen kann – und darauf, dass etwas gegen die Menschenrechte verstösst. Das hilft auch den Betroffenen, es macht ihnen Mut. Nebst den Gesetzen braucht es aber auch Präventionsmassnahmen, Aufklärung und vor allem Opferschutz. Wir haben hier ein sehr gutes Opferschutzgesetz, und das muss den Migrantinnen erklärt werden, damit sie über ihre Möglichkeiten Bescheid wissen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.02.2012, 11:32 Uhr)

«Die Massnahmen waren lang realitätsfern»: Anu Sivaganesan engagiert sich seit 2005 für junge Menschen, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen. (Bild: PD)

Zur Person

Anu Sivaganesan (24) ist Kampagnenleiterin von Zwangsheirat.ch, einer unabhängigen Organisation, die junge Frauen und Männer berät, die von einer Verheiratung gegen ihren Willen betroffen sind. Sivaganesan kam als 12-Jährige im Rahmen des Familiennachzugs aus Sri Lanka in die Schweiz und absolviert zurzeit den Masterstudiengang in Rechtswissenschaften an der Uni Zürich. Anu Sivaganesan begrüsst die Vorlage, die ab dem 27. Februar im Nationalrat debattiert wird und welche die Zwangsheirat nicht mehr länger unter Nötigung subsumieren, sondern sie als eigenen Straftatbestand mit schärferen Sanktionen festlegen will – sie hat aber auch einige Kritikpunkte anzubringen.

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