Schöne Klatsche für alle «Me Too»-Zweifler

Netta Barzilais ESC-Siegersong «Toy» ist Musik auf der Höhe der Zeit – und eine klare Ansage an alle, die Frauen, Übergewichtige und Israel hassen.

«Toy» überzeugt das ESC-Publikum: Der Song nimmt die #MeToo-Debatte auf. (Video: Tamedia/SRF/AP)

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Beim Eurovision Song Contest hat wieder einmal schreckliche Musik triumphiert. Zumindest wenn es nach Vorjahressieger Salvador Sobral geht. Der Portugiese wurde ein paar Tage vor dem ESC-Finale gefragt, was er denn von Netta Barzilai halte, israelische Kandidatin und eine der grossen Favoritinnen des Abends. «Youtube hat mir ihren Song empfohlen», sagte Sobral, «also habe ich draufgeklickt und dann kam diese schreckliche Musik.»

«Toy», dieser angeblich so fürchterliche Song, beginnt mit – und das muss für den zarten Jazznerd Sobral eine Qual sein: Rrriii, autsch, hey, hmpf, laaa. Eine lautmalerische Explosion aus Trillern, Schnaufen, Glucksen – und Hühnergegacker. Klingt verrückt? Ist es auch. Hat Sobral also recht ? Ist beim europäischen Gesangswettbewerb alles beim fürchterlichen Alten? Mitnichten.

«Jungs, ich bring euch jetzt mal was bei»

Netta Barzilai und ihr famos verdrehter Song «Toy» sind die verdienten Sieger des diesjährigen ESC. Weil der jungen Israeli an diesem Abend als Einzige gelingt, was richtig guter Pop im Grunde sein soll: Musik zur Zeit, auf der Höhe der Zeit, absolut gegenwärtig, musikalisch wie inhaltlich.

Nach dem Gacker-Intro kommt der Einstieg: «Schau mich an, ich bin ein schönes Wesen», singt Netta. Dann rattert der Song los, über dem synkopierten Rhythmus knallt die Ansage: Jungs, ich bring euch jetzt mal was bei. Und so kompromisslos wie sich der Beat durch diesen Song schüttelt, so geht auch Netta vor: «Ich bin nicht dein Spielzeug, du dummer Junge» heisst es im Refrain. Und kann man sich eine schönere und klarere Klatsche im Jahr eins nach «Me Too» ausdenken, für alle Zweifler und Verächter, auf der grossen Bühne des ESC, verfolgt von Millionen?

Popmusik funktioniert ohne Aneignung nicht

Solch eine deutliche Botschaft ruft natürlich Gegenstimmen hervor. Bei Twitter beginnen sie schon kurz nach Nettas Sieg zu poltern und zu hetzen: die Frauenhasser, die Dickenhasser, die Israelhasser. Man wirft ihr cultural appropriation vor, zu deutsch: kulturelle Aneignung. Dabei wird die Übernahme von Elementen einer Kultur durch Mitglieder einer anderen kulturellen Gruppe als diskriminierend empfunden. In Nettas Fall: ihr kimonoähnliches Bühnengewand, die asiatischen Winkekatzen im Hintergrund, die K-Pop-Anleihen und die musikalischen Arabesken.

Diese Kritik vergisst nun, dass Popmusik immer ein Amalgam ist, dass sie ohne Aneignung nicht funktioniert. Pop ist ein Schmelztiegel, in dem alles zusammenläuft, der Kimono und die Winkekatzen, der K-Pop und der Orient, und der das Neue aus dem Zusammenlaufen des Alten schafft. Für eben jenen Schmelztiegel der Individualismen steht Netta Barzilai, die 1993 in Hod haScharon geboren wurde, eine Stadt im Nordosten von Tel Aviv. Als sie die Trophäe des ESC entgegennimmt, brüllt sie aufgelöst ins Mikrofon: «Vielen Dank, dass ihr Unterschiedlichkeit gewählt habt! Vielen Dank, dass ihr Unterschiede akzeptiert! Danke, dass ihr Vielfalt feiert!»

Europäischer Geist der Solidarität

Netta selbst feiert das Recht jeder und jedes Einzelnen so zu sein und zu leben, wie auch immer er oder sie mag. «Toy» ist ein Manifest der Freiheit und Selbstverwirklichung, ein Lob auf das Anderssein. Komponiert hat den Song Doron Medalie. Der 40-Jährige ist einer der aktuell erfolgreichsten israelischen Hitschreiber. In den vergangenen Jahren steuerte Medalie bereits zwei Mal die Beiträge seines Landes für den ESC bei.

Nadav Guedj schaffte es 2015 mit «Golden Boy» auf Platz neun, im darauffolgenden Jahr landete Hovi Star mit «Made of Stars» auf Platz 14. Medalies bekanntester Song aber ist «Tel Aviv», der – gesungen vom amerikanisch-israelischen Sänger Omer Adam – als Werbevideo für die Schwulen- und Lesbenparade Tel Aviv Pride produziert und zu einer Hymne der queeren Szene der Stadt wurde.

Die israelkritische BDS-Organistation sieht in Netta Barzilai jedoch nur ein Feigenblatt, eine Agentin Israels, die sich für Gleichberechtigung einsetzt, um die Lage der Palästinenser im Land zu verschleiern. Vor dem ESC hat die Organisation deshalb zum Boykott aufgerufen: «Null Punkte für den Song der israelischen Apartheid». Das hat keine Wirkung gezeigt. In Lissabon hat sich der europäische Geist der Solidarität durchgesetzt. Der Slogan des diesjährigen ESC lautete: «All Aboard!», alle an Bord. Eine bessere Siegerin als Netta hätte es nicht geben können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2018, 18:48 Uhr

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