Die politische Korrektheit wird ins Groteske getrieben

Zu wenig lesbisch, zu schwul: Es mehren sich Forderungen, dass nur Minderheiten in Filmen Minderheiten spielen dürfen.

Sie darf Batwoman verkörpern: Schauspielerin Ruby Rose. Foto: Jason LaVeris (FilmMagic)

Sie darf Batwoman verkörpern: Schauspielerin Ruby Rose. Foto: Jason LaVeris (FilmMagic)

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Scarlett Johansson wollte einen Film koproduzieren, in dem sie den Transmann Tex Gill spielt, der als Frau geboren wurde, sich als Zuhälter betätigte und das Geld unter anderem dafür verwendete, eine Geschlechtsumwandlung zu bezahlen. Aber die Empörung der Transgender-Vertreter, Männer und Frauen, fiel dermassen heftig aus, dass die Schauspielerin das Projekt aufgeben musste.

Ruby Rose, eine lesbische australische Frau, darf jene Rolle spielen, die sie sich als Mädchen immer gewünscht hat: eine lesbische Version der Comicfigur Batwoman. Rose hat ein schweres Leben hinter sich, sie wurde sexuell missbraucht, litt an Depressionen, unternahm einen Suizidversuch. Umso mehr freut sie sich auf den neuen Job in der Fernsehserie.

Dennoch hat ihre Ernennung in der Transgender-Community Empörung ausgelöst: Sie sei «nicht lesbisch genug», hiess es unter anderem, man hätte einer unbekannten Frau die Rolle geben müssen, auch sei sie nicht jüdisch wie das Original im Comic.


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Zum ersten Mal hat das konservative Filmunternehmen Disney eine offen schwule Hauptrolle konzipiert und dafür den englischen Komiker Jack Whitehall gecastet. Seither muss der sich von Homosexuellen heftig vorwerfen lassen, er sei als Hetero dafür nicht geeignet, zumal seine Rolle einen affektierten Schwulen vorsehe, und das sei doch ein Klischee.

Das Geschrei verbreitet sich schnell

Also wird die eine dafür kritisiert, sie sei heterosexuell, die Zweite findet man zu wenig lesbisch und die Figur des Dritten zu schwul. Bange fragt man sich: Dürfte Kevin Kline heute in der Komödie «In & Out» noch mitmachen? Hätte Michael Douglas auf die Verkörperung von Liberace verzichten müssen? Wäre Robin Williams als Mrs. Doubtfire nicht mehr möglich und auch nicht als schwuler Club­besitzer in «Birdcage», dem amerikanischen Remake von «La cage aux folles»? Darf Felicity Huffmann als Frau keinen Mann mehr spielen, der eine Frau sein will? Muss «Brokeback Mountain» neu gedreht werden?

Die Kunst der Schauspielerei besteht doch darin, jemanden zu spielen, der oder die man nicht ist.

Seit einigen Jahren mehren sich die Hinweise darauf, dass die um sich greifende politische Korrektheit die Kultur angreift, die ihr unpassend vorkommt. Bücher mit inkorrekten Darstellungen müssen umgeschrieben oder mit Warnhinweisen versehen, Bilder abgehängt werden. Was Philip Roth in «The Human Stain» belletristisch vorwegnahm, die Zerstörung einer akademischen Karriere wegen eines angeblich rassistischen Wortes, entwickelt sich zu einem neuen Puritanismus.

Nun liesse sich sagen, dass wechselnde Minderheiten hier ein Geschrei veranstalten, das weit grösser ist als sie selber, aber genau darin liegt das Problem: Das Geschrei wird über die sozialen Medien schnell und weit verbreitet, die Medien schreien mit.

Wie grotesk sich solche Empörungsstaffetten entwickeln können, zeigen die aktuellen Beispiele. Denn die Kunst der Schauspielerei besteht doch darin, jemanden zu spielen, der oder die man nicht ist. Entscheidend muss sein, wie gut man spielt. Und nicht, wie stark die Rolle mit der eigenen Biografie korreliert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2018, 21:02 Uhr

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