Netanyahu will den ESC für seine Zwecke missbrauchen

Nach dem Sieg der Israelin Netta Barzilai beim Eurovision Song Contest wird Jerusalem der nächste Austragungsort sein.

«Toy» überzeugt das ESC-Publikum: Der Song nimmt die #MeToo-Debatte auf. (Video: Tamedia/SRF/AP)

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Netta Barzilai steht für ein Israel, das den meisten Europäern sympathisch und emotional nahe ist. Die Siegerin des Europäischen Songcontest ist weltoffen, liberal und emanzipiert. Sie steht mit ihrem bunten, schrillen Auftreten und ihrer verkörperten Lebenslust für ein Israel, das es gibt – sich aber vor allem auf Tel Aviv beschränkt: Eine Stadt, die zu Recht als Party-Hotspot gilt und in der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen gelebt wird.

Aber schon im Süden der Stadt, wo sich ein Teil jener 38'000 Flüchtlinge aufhält, die Israel in ein afrikanische Land abschieben wollte, ist von dieser Weltoffenheit kaum mehr etwas zu merken. Es kommt immer wieder zu Zusammenstössen mit Israelis, Rassismus wird offen zur Schau gestellt. Wenn die Sprache auf diese Menschen kommt, dann benutzen auch Regierungspolitiker ausschliesslich das Wort Eindringlinge, nicht Asylwerber oder Zuwanderer. Und das in einem Land, das vor 70 Jahren von Juden gegründet wurden, die aus allen Teilen der Welt hierher strömten.

Spannungen zwischen Juden aus Europa und dem Nahen Osten

Die 25-jährige Songcontest-Gewinnerin sieht ihr Lied mit dem Refrain «Ich bin nicht dein Spielzeug» ausdrücklich als Aufruf an: Sie fordert soziale Gerechtigkeit, sie will mehr Diversität und Toleranz. Israels Gesellschaft ist gespalten: Seit der Staatsgründung gibt es Spannungen zwischen Juden aus Europa und jenen aus dem Nahen Osten, die sich in sozialen Unterschieden bemerkbar machen.

Dazu kommen die sich immer weiter öffnenden Gräben zwischen säkularen und religiösen Israelis, die sich Tel Aviv und dem benachbarten Bnai Brak zeigen. Dort sind die meisten Einwohner ultraorthodoxe Juden, 81 Prozent haben bei der vergangenen Wahl einer der ultraorthodoxen Parteien ihre Stimme gegeben.

Sitzreihen nur für Männer

Die wachsende Zahl der streng Religiösen, die mehr als eine Million der rund acht Millionen Einwohner Israels ausmachen, haben das Klima im Land verändert. So gibt es öffentliche Busse, in denen die ersten Reihen Männern vorbehalten sind. Schilder haben es in Beit Schemesch Frauen vorgeschrieben, wie sie sich zu kleiden haben und wo sie sich auf Strassen nicht aufhalten dürfen. Seit Monaten demonstrieren ultraorthodoxe Juden für eine automatische Wehrdienstbefreiung. Wegen dieses Themas stand zuletzt die Koalition auf der Kippe, davor wegen des Arbeitsverbots am Schabbat.

Diskutiert wird auch über Ladenöffnungszeiten. Bisher konnte Tel Aviv Ausnahmen durchsetzen. Aber die Folgen einer Politik, auf die Ultraorthodoxe und ihre Parteien einen immer stärkeren Einfluss haben, dringen nach Tel Aviv vor, auch wenn man dort lieber Party macht und möglichst nichts mit dem zu tun haben will, was sich ringsum abspielt: Nichts mit der Siedlungspolitik, nichts mit dem stockenden Friedensprozess.

Von fast niemandem anerkannt

Dass Netanyjahu, der Netta Barzelai als «echten Schatz» tituliert hat, sogleich Jerusalem als Austragungsort für den nächsten Songcontest ausgerufen hat, zeigt: Er will diese Veranstaltung für seine Zwecke politisch missbrauchen. Denn Jerusalem wird zwar nun von den USA, aber von fast keinem anderen Staat der Welt als israelische Hauptstadt anerkannt.

So will er Punkte machen. Jerusalem steht für das andere Israel, das ausgrenzende, einengende. Und das ist nicht jenes Israel, das eine Verbindung zu Europa schafft und für das Netta Barzilai steht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2018, 18:47 Uhr

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